Zitat von BrockenhexeDie Luft labilisiert.... Was heißt das?
Das bedeutet, dass die warme Luft beginnt, aufzusteigen. (stabil = die Luftmassen "stehen", labil = es kommt Bewegung in die Sache) Es gibt also Thermik, d.h. es entstehen grosse Luftblasen die aufsteigen, und uns motorlosen Fliegern ermöglichen Höhe zu gewinnen.
Oder auch, dass der (hier der Talwind - kommt aus dem Tal zum Berg) an den Hang stösst und nach oben strömt. Was uns ebenfalls hilft, oben zu bleiben oder "Höhe zu machen".
29. Juli 2007 – Wieder eine sternenklare Nacht. Wir schlafen im Wald über dem versnobten Lust-Kurort – das einst überschaubare Bergdorf ist kaum mehr wiederzuerkennen. Unser heutiger Morgenspaziergang führt vorbei an den Traumchalets der Frankenmultis, hinauf zum Startplatz Les Ruinettes. Eine Kaltfront soll am Abend das Wallis erreichen und zuvor eine Menge labile Luft von Frankreich herüberschieben. Jetzt oder nie. Die Müdigkeit vom vielen Gehen bläst uns der immer noch knackige Westwind schnell aus den Gliedern. Es geht zur Sache. Zum Glück gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Walliser „Rennstrecke“, dafür ist scheinbar flugfreier Sonntag. Von Verbier bis Visp kein Segelflieger, kein Drachenflieger, kein Gleitschirm. Da kann man sich ganz schön einsam fühlen. Jedes Mal, wenn wir unsere Schatten irgendwo am Boden dahinfetzen sehen, erschrecken wir aufs Neue. Wir sind verdammt schnell. Im Bietschtal dann die Entscheidung, vor Visp lieber die Notbremse zu ziehen, bevor der immer stärker werdende Talwind unserem bisher weitesten Flug das Happy End vermasselt. 63 Kilometer. Die Erde beziehungsweise ein Rübenacker hat uns wieder. Der anschließende Beruhigungsspaziergang nach Brig tut gut.
30. Juli 2007 – Der ideale Zeitpunkt für einen Ruhetag. Wenigstens einen halben. Während in der Badewanne einer Pension all unsere Klamotten ein Schaumbad nehmen, bläst draußen ein Föhnsturm die Gassen der Altstadt staubfrei. Der späte Nachmittag sieht uns aber schon wieder wie aus dem Ei gepellt Richtung Osten schlendern. Das mit der Aprilfrische kann man auch übertreiben. Wir duften wie die Osterglocken und hoffen, dass keiner der entgegenkommenden Passanten auf dumme Gedanken kommt. Wir müssen heute noch bis hinauf zur Riederalp und weiter zum berühmten Kühboden. Mal sehen, wie viel vom UNESCO-Weltkulturerbe Aletschgletscher noch übrig ist. Bis wir da oben sind, hat sich wohl auch das Duftproblem von selbst gelöst.
31. Juli 2007 – Es ist schon ein erhabenes Gefühl, im Schlafsack auf einem Startplatz zu liegen, von dem aus bereits unzählige Rekorde in Angriff genommen und einige Kapitel Drachen- und Gleitschirmgeschichte geschrieben wurden. Aber die Nacht hat uns trotzdem ziemlich zugesetzt. Der Gletscherwind vom Aletsch blies uns eiskalt um die Ohren, und eine Herde Milkakühe mit überdimensionalen Glocken hat uns den Rest gegeben. Ein Blick hinüber zum feuerroten Matterhorn lässt die schlaflose Nacht aber schnell vergessen. Dass an diesem Tag keine Rekorde geflogen werden, ist bald klar. Der starke Wind, der mittlerweile aus Norden bläst, hat spätestens am Grimselpass etwas dagegen. Für uns heißt das wieder mal gehen. Diesmal allerdings von der heftigen Sorte. Zusammen mit unzähligen durchgeknallten Motorradjunkies müssen wir über die vielen Serpentinen hinunter nach Gletsch. Eine asphalt- und CO²-freie Variante gibt es nicht. Hinauf zum Furkapass finden wir zum Glück einen Wanderweg. Ein später Gleitflug von der Passhöhe bringt uns noch kurz vor Sonnenuntergang bis nach Tiefenbach. „Alles nicht so wild, es könnte ja auch regnen.“ 1. august 2007 – Nur eine gemütliche Stunde oberhalb unserer Herberge liegt ein perfekter Ost-Startplatz. Pünktlich zu Mittag versucht ein Adlerpärchen auf gleicher Höhe die hartnäckige Inversion zu knacken, doch ohne kräfteraubenden Flügelschlag Fehlanzeige. Nichts als heiße Luft. Wer kennt das nicht? Dich plagt ein Bärenhunger, Bilder von Lieblingsspeisen kreisen im Kopf und lassen Sturzbäche im Mund zusammenlaufen, endlich ist das Stammlokal erreicht – und was hängt am Eingang? „Heute Ruhetag“. Schon zweimal durfte ich den Klassiker Fiesch – Chur aus der Vogelperspektive erleben. Ein fliegerisches Traummenü. Diesmal aber bleibt die Thermikküche geschlossen. Im Tiefflug kämpfen wir uns bis zum Oberalp-Pass. Einen erneuten Startversuch hinter der Passhöhe brechen wir ab und entschließen uns zu einem Biwak auf einer wunderschönen Almwiese, um am nächsten Morgen erneut unser Glück zu versuchen.
2. August 2007 – Die Front, die erst für den Nachmittag vorhergesagt war, ist schon bei Sonnenaufgang bei uns. Immer wenn der Wettergott in den letzten Tagen etwas gegen das Fliegen hatte, haben wir uns regelmäßig mit ein und demselben Spruch motiviert: „Alles nicht so wild, es könnte ja auch regnen.“ Für die nächsten zwei Tage behelfen wir uns mit: „Locker bleiben, es könnte ja auch schneien.“ Unser Plan: im Tal bleiben und Kilometer fressen. In zwei Tagen bis nach Chur. Das sollte zu schaffen sein. Ist erst mal die richtige Betriebstemperatur erreicht, läuft es auch im Dauerregen wie geschmiert. Nur aufpassen, dass die Socken nicht nass werden. Blasen können wir jetzt wirklich nicht gebrauchen. Auf halber Strecke machen wir einen Abstecher nach Obersaxen. Dort lebt unser ehemaliger Worldcup-Kollege und X-Alps-Sieger 2003, Kaspar Henny. Der Empfang ist herzlich, es gibt viel zu erzählen und bald sitzen wir vor einem Drei-Gänge-Menü.
3. august 2007 – Bei dichtem Nebel verlassen wir ziemlich träge das trockene Quartier und suchen am Piz Mundaun nach Kaspars Hausstartplatz. Durch das erste kleine Wolkenloch sinken wir zurück ins Rheintal. Mit der Zeit wird man bescheiden. Inzwischen freuen wir uns sogar schon über solche Gleitflüge. Der Weg durch die Rheinschlucht ist eine Augenweide, der nächtliche Endspurt auf der Schnellstraße nach Chur hingegen der reinste Alptraum. Ein ungleiches Duell zwischen Stirnlampe und Fernlicht.
4. august 2007 – Punkt 13.00 Uhr fallen unsere Rucksäcke in die Blaubeersträucher. Nach einer kurzen Nacht in Chur Alpenglühen auf den Schuhsohlen. Ob sich die Schinderei gelohnt hat? Genau nach Plan haben wir die Südhänge vom Hochwang pünktlich erreicht. Ein Traum von einem Startplatz. Nur die Leethermik ist nicht stark genug, um gegen den überlegenen Nordwind anzukommen. Nach einem chancenlosen Luftkampf geben wir uns geschlagen und landen wieder am Startplatz. Da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als noch einmal gute 800 Höhenmeter aufzusteigen, um in den dynamischen Wind auf der Nordseite zu starten. Der Abend dieses langen Tages sieht uns dann endlich über lieblicher Hügellandschaft in Richtung Klosters soaren. Wenn ich ehrlich bin, heute sind wir ziemlich platt. Der letzte Energieriegel ist hinuntergewürgt und die letzte Magnesiumtablette badet in der Wasserflasche. Unser Hunger und Durst aber ist noch längst nicht gestillt. So wie es aussieht, werden heute Nacht, während wir schnarchen, unsere Mägen knurren. Am Weg zum Gotschnagrat, von wo wir morgen wieder starten wollen, entdecken wir in circa vier Kilometer eine Almhütte, in der Licht brennt. Die paar Meter werden wir jetzt auch noch schaffen. Vielleicht gibt es ja dort ein Almosen für halbverhungerte Gleitschirmpilger. Kaum zu glauben, wie weit vier Kilometer sein können. Wir müssen tatsächlich ein erbärmliches Bild abgegeben haben. Beny, der Senner, lässt sich nicht lange bitten, und schon stehen ein riesiger Kant Almkäse, frisches Brot und zwei kühle Bier auf dem Tisch. Ist das jetzt schon der Himmel? Im Heu über dem Kuhstall wird dann doch nur geschnarcht und nicht geknurrt.
5. august 2007 – Am Startplatz versorgen uns die einheimischen Piloten von Klosters mit den neuesten Flugwetter-Prognosen. Ihr einheimischer Wetterprophet meinte doch tatsächlich: „Lasst den Segelflieger im Hangar und den Gleitschirm im Rucksack. Packt lieber die Badehose ein.“ Ziemlich verunsichert lehnen wir am Windsack, bis auf der anderen Talseite plötzlich zwei Schirme langsam an Höhe gewinnen und somit den Schweizer Wolkendeuter Lügen strafen. Nichts wie raus und rüber. Was dann folgt, ist der perfekte Flug. Wir sind hoch konzentriert und wissen unsere kleine Chance zu nutzen. Wie sagt man so schön? Wir haben einen Lauf. Piz Buin, Silvretta-Stausee. Alles Neuland. Erst im Paznauntal wieder bekanntes Terrain. Nach 70 Kilometern erreichen wir zur Krönung des Tages auch noch unser Wunschziel, den Krahberg über Landeck. Auf einer kleinen steilen Bergwiese, einer wirklich sehr kleinen Wiese, auf der man nur mit dem Wind bergauf landen kann, demonstrieren wir Maria und Herrmann, die vor ihrer gemütlichen Hütte sitzen, eine gestreckte Landerolle vorwärts. Der 75-jährige Herrmann nimmt kurz seine Pfeife aus dem Mund und kommentiert die Abendvorstellung: „De Narren sterbn ned aus.“ Kaum sind unsere Schirme wieder im Sack, bekommen wir von den beiden liebenswerten Senioren allerfeinste Tiroler Gastfreundschaft demonstriert. Nach einer üppigen Brotzeit klettern wir in das Kinderstockbett, das neben dem Ehebett von Maria und Herrmann steht. Mit einem gemeinsam gesprochenen Gute-Nacht-Gebet beschließen die beiden diesen außergewöhnlichen Sommertag. Wir sind gerührt.
6. august 2007 – Von der Hütte bis zum Gipfel sind es gerade mal 500 Höhenmeter. Normalerweise ein Spaziergang. Doch Achims Rücken, der schon seit ein paar Tagen zwickt, wird langsam zu einem ernsthaften Problem. Die Schmerzen kommen immer regelmäßiger und strahlen oft bis in die Fußspitzen. Achim beißt auf die Zähne. Er weiß, wenn es gut läuft, stehen wir heute Abend in Murnau, und da sich in spätestens 48 Stunden ein mächtiges Tiefdruckgebiet über die Ostalpen legen wird, haben wir heute morgen Berchtesgaden als zweite Option ohnehin gestrichen. Bald nach dem Start kann man deutlich an Achims Flugstil erkennen, dass da einer nicht mehr mit Wind und Thermik spielt, sondern mit seinen Schmerzen kämpft. Bis zur Schlüsselstelle am Wannig, dem Tor zur Heimat, hält Achim tapfer mit, doch als es im Leebart der Südwand noch mal richtig ungemütlich wird, muss er endgültig das Handtuch werfen. Während ich mit angelegten Ohren an der Wolke warte, signalisiert Achim seine Aufgabe mit einer Steilspirale auf die Wiesen von Nassereith. Der restliche Flug um das Zugspitzmassiv nach Garmisch-Partenkirchen wird zum Wechselbad der Gefühle. Mitleid und Sorge gegen Euphorie und Hochgefühl. Nach der Landung am Fuß des Wank ein langes Telefonat mit dem Freund. Eine knappe Stunde hat er seine Beine nicht mehr gespürt. Ich bin überrascht, wie gefasst er wirkt. Alle möglichen Happy-End-Ideen von der mobilen Arztvisite bis zur gemeinsamen Nachtwanderung über den Fernpass werden schnell wieder verworfen. Nichts geht mehr. Während ich mich auf den Weg mache, um die letzte Freinacht auf meinem Hausberg zu verbringen, wird Achim von meinem Vater abgeholt und nach Murnau gebracht.
7. august 2007 – Natürlich wäre es ein krönender Abschluss gewesen, unsere Tour als Flieger und nicht als Fußgänger vor der Haustüre zu beenden. An einem mittelmäßigen Flugtag überhaupt kein Problem. Aber heute? Mal sehen. Das fliegbare Wetterfenster ist von sehr kurzer Dauer, bevor die Kaltfront das Werdenfelser Land erreicht. Leider zu kurz. Als um 12.00 Uhr bei Rückenwind feststeht, dass das nichts mehr wird, starte ich und stehe nach wenigen Kreisen in der Taldüse am nördlichen Ortsausgang von Garmisch-Partenkirchen. Einer meiner kürzesten Flüge von meinem geliebten Heimatberg. Beim Einpacken muss ich selber lachen. Von hier nach Murnau wollte ich doch schon immer einmal gehen …
Wank bei Garmisch-Partenkirchen. Der hier beschriebene Landeplatz liegt unterhalb des Wank beim "Gschwandtnerbauer"